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Die Schilddrüse ist das Gaspedal des Körpers

Bielefeld/Köln (dpa/tmn) - Sie wird auch Schmetterlingsorgan genannt: Von der Form her ähnelt die Schilddrüse einem Falter, der im Hals vor der Luftröhre und etwas unterhalb des Kehlkopfes sitzt. Das kleine hormonproduzierende Organ hat es in sich.

«Schilddrüsenhormone regulieren fast jeden Prozess im gesamten Organismus», sagt der Chefarzt der Klinik für Endokrinologie am Klinikum Bielefeld, Joachim Feldkamp. Die Wärmeregulation, die Herzfrequenz, die Verdauung zählen dazu, ebenso wie die Gehirnfunktion und der Knochenstoffwechsel.

Schilddrüsenhormone liefern Energie für viele Körperzellen, beschreibt der Direktor des Deutschen Schilddrüsenzentrums, Prof. Hans Udo Zieren. «Sie wird immer wieder mit einem Gaspedal unseres Körpers verglichen.» Entsprechend folgenreich ist eine Fehlfunktion.

Überfunktion und Unterfunktion

Bei einer Überfunktion ist die Schilddrüse zu aktiv, produziert also zu viele Hormone. «Es kommt zu Symptomen wie zu schnellem Pulsschlag, innerer Unruhe, Händezittern», erklärt Feldkamp. «Die Patienten haben oft Durchfall, fühlen sich innerlich getrieben, sind schlaflos und verlieren Gewicht bei gutem Appetit», schildert der Experte der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE).

Bei einer Unterfunktion produziert die Schilddrüse indes zu wenig Hormone. Deren Symptome sind im Grunde gegenteilig zur Überfunktion. Feldkamp: «Die Verdauung funktioniert nicht mehr richtig, es kommt zu Verstopfung, die Gedanken werden langsam, man ist antriebsgestört.» Die Patienten schlafen viel, sind sehr müde, können sich nicht mehr konzentrieren, beschreibt er. «Das Herz schlägt oft langsamer, man friert sehr schnell und ist kälteempfindlich.»

Haarausfall könne bei Über- und Unterfunktion vorkommen, sagt Feldkamp. «Bei einer Unterfunktion werden die Nägel brüchig und die Haut sehr trocken, während es bei der Überfunktion häufiger zum Schwitzen kommt, die Haut wird feucht.»

Doch wann bringt man vermehrtes Schwitzen oder Händezittern mit dem kleinen Organ in Verbindung? Die Antwort: Mindestens zwei deutliche Symptome sollten vorliegen, um an die Schilddrüse zu denken.

TSH-Wert als erster Indikator

Wer diesen Verdacht hat, für den ist der Hausarzt der erste Ansprechpartner. Der Mediziner wird sich erst einmal das Blut ansehen: Der TSH-Wert ist ein erster Indikator für eine Über- oder Unterfunktion. TSH, kurz für Thyreoidea-stimulierendes Hormon, ist das Steuerungshormon der Schilddrüse.

Ist der TSH-Wert auffällig, werden in der Regel die beiden Schilddrüsenhormone Trijodthyronin (T3) und Thyroxin (T4) angeschaut. Zu einer genauen Diagnose gehören zudem eine Ultraschalluntersuchung und je nach Befund weitere Untersuchungen.

Oft harmlos, manchmal lebensbedrohlich

Im Fall einer Unterfunktion der Schilddrüse müssen die Patienten täglich Schilddrüsenhormone einnehmen, meist per Tablette. Bei einer Überfunktion müssen sie laut Joachim Feldkamp indes blockierende Medikamente nehmen. Sonst besteht vor allem die Gefahr von Herz-Vorhofflimmern.

Generell seien von Schilddrüsenerkrankungen mehr Frauen als Männer betroffen, sagt Hans Udo Zieren. Die Häufigkeit nimmt mit steigendem Alter zu. «Der Großteil der Schilddrüsenerkrankungen ist harmlos», so Zieren. «Viele Knoten müssen nie behandelt werden. Aber es gibt auch schwerwiegende und lebensbedrohliche Erkrankungen. Deshalb ist eine exakte Diagnose vor allem am Anfang wichtig.»

© dpa-infocom, dpa:201201-99-534233/3


Text: dpa / Bild: Andriy Popov (dpa) (02.12.2020)